Viele Arbeitgeber bestehen darauf, ihre Mitarbeiter kurz vor Dienstbeginn ins Büro kommen zu sehen, aus ganz verschiedenen Gründen. Besonders im Moment ist es jedoch wichtiger als je zuvor, digitale Aufgaben in die eigenen vier Wände zu verlagern. Warum ich dennoch gegen so etwas wie eine Home Office Pflicht bin, erkläre ich im vorliegenden Beitrag.

Mein Arbeitstag beginnt meistens um 7.30 Uhr, ich setze mich an den Computer und beginne mit der Arbeit. Wer im Büro arbeitet, ist zu dieser Uhrzeit teilweise schon eine oder zwei Stunden auf den Beinen – auch im Januar dieses Jahres nach wie vor.

Viele Arbeitgeber bestehen darauf, ihre Mitarbeiter kurz vor Dienstbeginn ins Büro strömen zu sehen, aus ganz verschiedenen Gründen. Besonders im Moment ist es jedoch wichtiger als je zuvor, digitale Aufgaben in die eigenen vier Wände zu verlagern. Die Argumente gegen die Verlagerung der Arbeit nach Hause sind teils abenteuerlich bis undurchdacht.

In Deutschland ist Home Office eher eine großzügige Ausnahme, statt effizientes Ersatzmodell zum teils tristen Büroalltag. Und trotzdem steigt der Anteil an Arbeitnehmern, die mindestens einen Tag pro Woche zuhause arbeiten. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Anzahl der Büro-Jobs in den letzten Jahren gestiegen ist.

Was ist aber nun mit einer Home Office Pflicht?

Fürsorge nicht gewährleistet

Jeder Arbeitnehmer tickt anders. So sehr ich mich für freiwilliges Home Office ausspreche, kenne ich Menschen, die einfach keine Lust darauf haben. Keine Kollegen zum Reden, einsame Mittagspausen, keinen Kaffee aus der Abteilungsküche (gibt es so ewas eigentlich noch?). Wer diesen Arbeitnehmern Arbeit von zu Hause aufdrängt, riskiert lautstarken Protest. Denn die Botschaft dieser Arbeitnehmer lautet, dass sie die Routine befürworten und für ihre Kollegen etwas übrig haben. Menschen sind soziale Wesen und brauchen sozialen Kontakt. Sonst vereinsamen sie und werden krank. Regeln dürfen dem Menschen nicht zwangsweise die letzte Lebensstabilität nehmen, die ihnen womöglich bleibt.

Darunter leidet auch die Fürsorgepflicht der Arbeitgeber, die trotz aller Umstände gewährleistet sein muss. Nicht umsonst investieren Arbeitgeber bares Geld darin, ihre Büroräume heller, leiser oder wärmer zu machen. Kaffee ist zwar nett, aber bei Weitem nicht das einzige Feature, um das sich Arbeitgeber kümmern.

Pauschales Home Office für alle bewirkt, dass auch Leute permanent zuhause sind, die in der Firma besser aufgehoben wären. Weil sie eben einsam sind oder Beziehungsprobleme haben. Oder wie eingangs erwähnt, den täglichen Kontakt zu Kollegen auf der Arbeit brauchen. Damit ist die Fürsorge durch den Arbeitgeber nicht mehr gewährleistet. Schon gar nicht in Konzernstrukturen, in denen Online-Meetings selten sind.

Wir halten fest: wem’s eh schon schlecht geht, der rutscht weiter ab. Wer guter Dinge ist, bekommt im schlechtesten Fall auch chronische schlechte Laune.

Zwang für beide Seiten

Bislang ist Home Office also eher optional, einen Anspruch gibt es darauf nicht. Im Moment wird in den Betrieben zahlreich darüber diskutiert. Ob es nun der einzelne Mitarbeiter ist, eine Unternehmens-Abteilung oder gleich der komplette Betriebsrat. Ganz egal, wer sich dafür oder dagegen ausspricht: Kommt die Pflicht, kommt es auf beiden Seiten zu Nachteilen. Denn jeglicher Diskussionspielraum wäre verloren. Beide Seiten wären dazu gezwungen, dieser Auflage nachzukommen. Egal, ob es für den Einzelnen sinnvoll ist oder nicht. Mitarbeiter könnten

Home Office ist gut und sinnvoll und ich bin grundsätzlich dafür. Aber eine zunehmende „Entmachtung“ der Gesellschaft führt zu noch mehr Unruhen und zu Protest, der in diesem Fall sogar verständlich ist.

Was wäre die Alternative?

Vernunft. Es hat sich dem 16. März 2020, dem Tag, an dem der erste Lockdown verhängt wurde, nichts verändert. Bevor irrationale Regeln für alle eingeführt werden, sollten im Fall Home Office Arbeitgeber sowie Mitarbeiter verantwortungsbewusst handeln. Nicht auf eine permanente Anwesenheitspflicht bestehen, Mitarbeiter einzeln betrachten und nicht mittels Holzhammer-Methode nach Hause schicken. Wert auf Hygienekonzepte legen, die es Menschen aus beispielsweise prekären Lebensverhältnissen ermöglicht, trotzdem ins Büro zu kommen. Alle ins Home Office schicken würde zu wahnsinnig großem Protest und zu unvorhersehbaren Situationen führen. Ich betone auch nochmal, dass ich mir bewusst bin, dass es genügend Berufe gibt, in denen die Arbeit nur vor Ort stattfinden kann und die Home Office Diskussion damit überflüssig ist.

Deutschland muss aus dem sozialen Tiefschlaf erwachen

Die deutsche Arbeitskultur hat seit Jahren eine Überholung nötig. Zu oft wird an alten Unternehmenskulturen festgehalten und das führt in Krisen zu großen Problemen. Gleichzeitig fühlen sich Arbeitnehmer oft gehemmt, neue Ideen ins Firmengeschehen einzubringen. Ich sehe die Gefahr, dass eine Home Office Pflicht künftig einen kalten Schauer bei Chefs auslöst, wenn neue Ideen und Anregungen (z.B. erweiterte Home Office Regelungen) aufgegriffen werden.

Die Pandemie ist ein Problem aber auch eine Chance. Nämlich unter Druck neue Konzepte entwickeln, deren Umsetzung zuvor einfach verschlafen wurde! Sei es am Arbeitsplatz, im ÖPNV oder in der Schule: Deutschland muss aus dem sozialen Tiefschlaf erwachen… sobald das künstliche Koma überstanden ist. Zynische Metapher, aber ich meine es genau so.