Vor 11 Jahren wurde WhatsApp von Brian Acton und Jan Koum gegründet. Mit der ersten Version der App konnten Nutzer Statusmeldungen an ihre Kontakte senden. Heute ist sie der weltweit meistgenutzte Messenger und hält sich hartnäckig auf Platz 1 in den App Stores. Rund fünf Jahre später kommt der Mega-Deal zustande: Facebook übernimmt den Dienst für 19 Milliarden US-Dollar. Vier Jahre nach der WhatsApp-Gründung, ging Pawel Durow’s Messenger-App Telegram an den Start. Die Telegram-Community wächst ebenfalls bis heute, dennoch schafft es die App nicht, WhatsApp zu überholen. Und das trotz starker Kritik an der Datenpolitik vom WhatsApp-Inhaber Facebook. Warum ist das so?

Gruppenzwang spielt eine große Rolle

WhatsApp ist zu einem schleichenden Standard geworden. Man muss sich zurückerinnern, dass das App-Angebot vor 11 Jahren nicht annähernd so groß war, wie heute. Da gab es eine App, die sich WhatsApp nannte und ab Version 2 auf einmal etwas bot, das man sonst nur vom Desktop-Rechner kannte: Echtzeit-Chat fürs Handy.

Wie sich das entwickelt hat, sieht jeder: Ein Großteil der Nutzer*Innen, die ein Smartphone besitzen, haben darauf auch WhatsApp oder eine Alternative installiert. Die allermeisten aber eben WhatsApp. Das Urgestein unter den Messengern, das sich hartnäckig hält.

Anzahl der Nutzer von WhatsApp und Telegram 2019
WhatsApp hatte 2019 pro Monat fünf Mal so viele Nutzer wie Telegram

Wer sich für eine WhatsApp-Alternative wie Telegram entscheidet, hat meistens ein Problem: Kaum jemand aus der eigenen Kontaktliste nutzt die App. Übrig bleibt ein Flickenteppich aus Kontakten, die WhatsApp nutzen und denen, die sich ebenfalls für Telegram entschieden haben. Das ist ein Grund, warum sich Telegram längst nicht mehr so rasant verbreitet, wie WhatsApp damals. Es gibt da bereits etwas und das funktioniert sehr gut. Nicht jeder interessiert sich dafür, was mit seinen Daten geschieht. Für diese Nutzer*Innen kommt gar nicht in Frage, zu wechseln. Warum auch? Ich ziehe nicht aus meiner Wohnung aus, solange sie alles bietet und sicher ist. Aber was, wenn der Innenhof voller Kameras ist?

Datenschutzbedenken werden immer lauter

Edward Snowden ist wohl der Messias des Datenschutzes und der Enthüllung unrechtmäßiger Nutzung persönlicher Daten – jedenfalls wirkte es so, als er enthüllte, wie US-Geheimdienste Nutzerdaten für ihre Zwecke verwenden. Heute hat die Debatte jedoch einen Richtungswechsel erlebt. Mehr geht es darum, wie Großkonzerne persönliche Daten verwenden, um ihre Nutzer*Innen in Werbekategorien einzuteilen und so ihr Kauf- und Surfverhalten zu studieren.

Fragwürdige Praktiken, wie die von Microsoft Teams, halten die Diskussion am Laufen. Auch vor der WhatsApp-Nutzung in Bundesbehörden warnte Bundesdatenschützer Kelber vor einiger Zeit. Diese Meldungen häufen sich und sind kein Zufall.

Als Nutzer*In fragt man sich häufig: „Was machen die eigentlich mit meinen Daten?“. Datenschutzerklärungen sind meistens so langatmig wie nichtssagend, teils schwammig formuliert. Die Folge ist, dass nach Alternativen gesucht wird – und die sind nicht weit. Vorausgesetzt, es machen genug Personen mit. Und genau da liegt das Problem bei einer Messanger-App wie WhatsApp oder Telegram.

Nutzer sensibilisieren

Es muss einen echten Vorteil geben, den man hat, wenn man plötzlich den jahrelang verwendeten Messenger wechseln soll. Schließlich hat das ja auch etwas mit der eigenen Routine zu tun. Die meisten Menschen tun sich schwer mit neuen Gewohnheiten. Jeder kennt es vom Handywechsel, man muss sich überhaupt erstmal daran gewöhnen.

Ein großer Vorteil könnte die Erkenntnis sein, welche Unternehmen auf welche Weise mit unseren Daten umgehen, die wir ihnen anvertrauen. Auch nicht alles was glänzt, ist aus Gold. Aber worin unterscheiden sich Unternehmen in diesem Bereich, wenn nicht in der Datenpolitik? Wer von Anfang an mit Privatsphäre wirbt, muss dieses Image auch halten können. Das ist das Gute am Wettbewerb. Wie schnell ein Unternehmen das Vetrauen seiner Kunden verspielen kann, zeigt der aktuelle Wirecard-Fall. Und persönliche Daten kommen im persönlichen Ranking definitiv vor Geld.

Und hier kommen wir zum Bildungsauftrag der Schulen. Datenschutz sollte, könnte, müsste nicht, sondern muss Teil des Unterrichts sein, undzwar ohne Ausnahme. Eine freiwillige Computer-AG mit oft schlecht geschulten Lehrern ist kontraproduktiv. Das Thema ist trocken und langweilig. Man muss sich richtig intensiv in den Zweck von Werbekampagnen eindenken und verstehen, wie Konzerne ihr Geld verdienen, deren Kerngeschäft Daten sind.

Viele wollen etwas ändern, Wenige im Umfeld tun es

Die Spieltheorie spielt beim Umstieg auf einen anderen Messenger eine große Rolle. Also der Wille, etwas zu verändern, aber die mangelnde Veränderung des eigenen Verhaltens. Zwar spiegeln die Zahlen wieder, dass Telegram eine große Community vorzuweisen hat und weiter wächst, aber man trifft selten Menschen, deren gesamte Kontaktliste Telegram nutzt. Es sind nicht selten nur wenige Kontakte, die die App ebenfalls nutzen. Teils aufgrund einer Empfehlung, teils aus eigenem Interesse. Demzufolge lautet die Antwort auf die Frage, wieso man Telegram denn nicht nutze häufig, dass man damit eben (weitgehend) alleine steht.

Nehmen wir mal an, wir haben es mit einer Gruppe von WhatsApp-Nutzern zu tun, in der kein einziges Mitglied Telegram nutzt. Ein einziges Mitglied könnte eine Kettenreaktion auslösen. Person A lädt sich Telegram runter, erzählt Person B davon, die sich (aufgrund überzeugender Argumente natürlich), ebenfalls die App herunterlädt und so weiter.

Bei all diesen Überlegungen darf man nicht vergessen, dass es sich hierbei natürlich nicht um eine Werbekampagne für Telegram handelt. Wo immer Daten an einen Dienst gehen, ist Vorsicht geboten. Leider wiegen wir uns bei WhatsApp alle in einer trügerischen Sicherheit. Denn unter dem Strich zählt: Wir rücken unsere Daten freiwillig raus. Die Idee, dass sich ein Messenger etabliert, bei dem ausnahmslos private Gespräche möglich sind, ist eine Utopie. Ein spannendes Buch diesem Thema ist übrigens Kämpf um deine Daten, von Max Schrems.

Wer also wirklich etwas dazu beitragen will, dass sich Telegram (oder ein vergleichbarer, vielversprechender Dienst) verbreitet, sollte den ersten Schritt machen und die App ausprobieren. Telegram nutzt im eigenen Umfeld so lange niemand, bis einer damit anfängt.

Statistik über die Nutzung von WhatsApp und Telegram

Das Interesse ist definitiv da

Auf einen Messenger möchte heute wahrscheinlich niemand mehr verzichten. Es steht für Freiheit und Vernetztheit, sich online auszutauschen. Sei es mit Freunden, Familienmitgliedern oder Fremden. Das Interesse für Alternativen ist definitiv da. Jeder Einzelne kann zu einer anonymeren, sichereren Kommunikation im Internet beitragen. Einfach mal von der Norm abweichen, etwas Anderes ausprobieren und die bequeme Gewohnheit niederlegen. Würden Unternehmen wie Facebook oder Google nicht immer wieder beweisen, dass Kontrolle in bestimmten Situationen besser ist, als Vertrauen, müssten wir diese Diskussion gar nicht führen. Da es aber leider nicht so ist, muss ein Umdenken stattfinden. Die wenigsten Kinder werden geschult, wie richtiges Onlineverhalten optimal funktioniert. Internetnutzung beginnt heute im Kindesalter.

Weder der Mensch am anderen Ende, noch Tech-Konzerne sind böse. Es gibt eben Unternehmen, die unsere Bereitweillige Datenspende verwenden, um Kapital daraus zu schlagen. That’s capitalism – der Dumme ist letztlich der Nutzer. Unter Informatikern kursiert von Zeit zu Zeit der zynische Spruch: Das Problem sitzt meistens vor dem Computer.


Quellen: