Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals über TikTok schreiben werde. Langsam wird es aber ernst, weil die App nicht mehr nur von einer bestimmten Gruppe verwendet wird, sondern sich mittlerweile durch alle Altersgruppen zieht. Bewusst wurde mir das, als ich immer öfter von Eltern gehört habe, die die App verwenden.

Überall TikTok, überall Videos

Wie würdest du YouTube in einem Satz zusammenfassen? Nimm dir ruhig einen Moment Zeit und formuliere innerlich eine Antwort. Und wie würdest du TikTok in einem Satz zusammenfassen? Vielleicht hast du einen großen Unterschied bemerkt, vielleicht auch nicht. Wir sind von beiden Plattformen ständig umgeben und auf beiden Plattformen können Videos geteilt werden. Jedoch hatte ich nie das Gefühl, dass dies so exzessiv wie auf TikTok passiert. Woran liegt das?

Einerseits liegt das an dem Teil von TikTok, der kurze Videos mit schneller Pointe beinhaltet. Irgendjemand macht irgendwo etwas lustiges und soll den Zuschauer am Ende zum Lachen bringen. Es geht dabei lediglich um Unterhaltung. Der zweite Grund ist, dass die App immer weiter neue Videos anzeigt. Man muss das automatische Abspielen neuer Videos aktiv beenden, ansonsten gibt es kein Ende. Das ist bereits einer der zentralen Unterschiede zu YouTube.

Natürlich können Inhalte – wie in jeder anderen App auch – mit Freunden und Familie geteilt werden. Bekommt man einen TikTok-Link gesendet, tippt man drauf und das Video öffnet sich. Ist das Video vorbei, zeigt die App automatisch das nächste Video. Dadurch entsteht eine gewisse Sogwirkung. Es wird ein Video nach dem anderen abgespielt und schnell ist eine halbe Stunde vergangen.

Früher oder später ist es scheinbar nur eine Frage der Zeit, bis auch du die App installieren wirst. Sei es aus Neugier, aufgrund von Gruppenzwang oder um sich nicht ausgeschlossen zu fühlen.

Intimste Aufnahmen im Internet

Viel schlimmer finde ich allerdings Folgendes: es gibt eine ganz bestimmte Art von Video in der App, die vor allem von jungen Eltern veröffentlicht werden. Sie filmen sich gemeinsam mit ihren Kindern, diese stehen dabei aber nicht im Vordergrund. Viel mehr geht es darum, sich selbst zu präsentieren, so viele Videos wie möglich an einem Tag zu veröffentlichen. Da Zeit ein knappes Gut ist, nehmen sie die meisten Videos also im Alltag auf. Vor dem Krabbelbett, am Frühstückstisch oder auf dem Sofa. Die Kinder kommen dabei viel zu kurz, quengeln teilweise und wollen offensichtlich die Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Das ist absolut inakzeptabel und auf Dauer schädlich für die Kinder diese Eltern.

Derweil nimmt TikTok auch zunehmend junge Eltern in die Mangel: wer die App nicht verwendet, wird zum Außenseiter.

Datenschutzbedenken gegenüber der App

„TikTok ist die erfolgreichste chinesische App in Europa […]“, schreibt der Österreichische Rundfunk (ORF). Sollte man da nicht direkt hellhörig werden? Die App stammt aus China, wird von einem orstansässigen Konzern betrieben unterliegt de facto deutschem Recht (da in Europa betrieben und der europäische Datenschutz ist der strengste der Welt). Was die Chinesen aber in der Praxis mit den Daten anfangen, ist eher nebulös. In einigen Fällen sind Konzerne sogar gezwungen, bestimmte Informationen an die chinesische Regierung weiterzuleiten. Wer sieht denn da noch durch, wie die Rechtslage in Bezug auf Unternehmens- und Serverstandort ist.

Ironisch ist, dass es die App unter diesem Namen in China gar nicht gibt. Denn dort heißt die App DouYin und bringt einen entscheidenden Unterschied mit: „Politische oder gesellschaftskritische Inhalte sind auf DouYin tabu, sie werden zensiert.“, schreibt Steffen Wurzel von der tagesschau: „Das gilt von Videoclips über die Proteste in Hongkong bis zu Scherzvideos über die chinesische Regierung. Beides ist unmöglich auf DouYin, ebenso wie auch auf allen anderen chinesischen Online-Plattformen“.

Niemand kann also genau sagen, was mit den eigenen Daten in China passiert. Nachvollziehbar ist allerdings, mit wem TikTok alles Daten teilt. Das kann man hier nachlesen.

Gefährliche Challenges

Ja, es stimmt, dass auch bereits auf anderen Plattformen verrückte Challenges aufgetaucht sind. Bei TikTok ist die Verbreitungsrate allerdings sehr hoch, da die App nun mal von sehr vielen Menschen verwendet wird. Vor Kurzem ist die MilkCrateChallenge in der App aufgetaucht; Personen balancieren über Plastikkästen und werden dabei gefilmt. Wegen der extrem hohen Verletzungsgefahr hat der Betreiber die Challenge nun sogar verboten. Immerhin zeigt TikTok damit etwas Verantwortungsbewusstsein. Trotzdem ist es gefährlich, wenn eine einzelne Plattform so viel Reichweite hat, dass sie quasi über Nacht bestimmte Themen oder Meinungen in eine starke Tendenz rücken kann. Da ist es nicht mehr weit bis zur Propaganda.

TikTok hat auch gute Seiten

Neben all der Kritik muss man aber sagen, dass es wie immer vom Nutzer abhängt. TikTok vereint auch viele DIY-Videos zum Zuhause nachmachen, was mich an Pinterest erinnert. Als Faustregel gilt: wer Trash sucht, sieht Trash. Wer Nützliches sucht, findet Nützliches.

Trotzdem fordere ich von unseren Politikern und Politikerinnen, dass sie sich des Problemes annehmen. Das Internet ist längst kein „Neuland“ mehr, wie es eine sehr bekannte Politikerin einst sagte, sondern Alltag. Für viele Menschen ist die App TikTok im Moment ein fester Bestandteil ihres Lebens. Demzufolge muss auch definiert werden, wie damit umgegangen wird, insbesondere in Bezug auf China. Ob die Regierungsparteien wirklich möchten, dass ihre Anhänger und Anhängerinnen von einer chinesischen App heimlich ausspioniert werden?

Das ist aber ein Thema für einen anderen Beitrag.