Der Raum wird betreten, es wird sich gesetzt, nett unterhalten und es werden Getränke verteilt. Nach einer Weile kommt der Wunsch nach etwas Musik auf, soll sie doch die Stille im Raum mit bekannten Melodien füllen. Eine der Personen im Raum ruft nach Alexa, welche unverzüglich antwortet. Kurze Zeit  und wenige Worte später ertönen die Titel bekannter Rockbands – möglich gemacht durch künstliche Intelligenz.

So ähnlich hat es sich ereignet, wie mir kürzlich berichtet wurde. Gefordert war mit dem Ruf nach Alexa natürlich keine Person oder etwa ein Haustier, sondern die mittlerweile allseits bekannte Sprachassistentin, die in einem Produkt eines großen Online-Versandhändlers mit dem Namen Echo steckt und seit geraumer Zeit in vielen Haushalten auf der ganzen Welt ein Zuhause gefunden hat.

Und damit nicht übetrieben: Vielerorts ist Echo bereits die stets anwesende Mitbewohnerin, die Musik spielt, den Kalender mit Terminen befüllt, die Einkaufsliste erweitert oder online neue Windeln für den Nachwuchs bestellt – all das allein durch einfachste, menschliche Kommunikation. Selbst beim Treffen von Menschen mit individuellen Persönlichkeiten scheinen Gespräche mit künstlichen Intelligenzen gesellschaftlich akzeptiert zu sein.

Menschliche Kommunikation mit Maschinen ist aufgrund von künstlicher Intelligenz lange schon keine Theorie mehr und entwickelt sich dank komplexer, neuronaler Netze stetig weiter. Doch woher kommt dieses soziale Bewusstsein für den Gesprächspartner, der eigentlich gar keiner ist?

Eine Innovation, aber gewiss keine Neuerfindung

Die Idee als solche, kleinste Alltagsaufgaben an Dritte auszulagern, ist im Grunde gar nicht neu. Wer viel Geld, dafür aber umso weniger Zeit hat, engagiert Personal zur Unterstützung. Wäsche waschen, den wöchentlichen Einkauf erledigen, das Domizil allgemein in Schuss halten.

Der Knackpunkt hierbei ist die Kostenfrage – die Dienste von Haushalts- und Reinigungspersonal sind Luxusdienstleistungen vom Feinsten. Menschen leisten Arbeit, und die will bekanntlich (gut) bezahlt werden – jedenfalls, wenn sie von Menschen verrichtet wurde. Den Begriff gut im Zusammenhang mit körperlich anstrengender Arbeit in Klammern zu setzen, ist an dieser Stelle bewusst gewählt.1

Und dann kam die digitale Revolution, die in zweierlei Hinsicht kräftig Schwung in den Markt brachte: Zum Einen ist nun ein direkter Vergleich verschiedenster Angebote von überall aus möglich. Besonders im Jahr 2019 sind wir mittlerweile von mehr Vergleichsportalen umgeben, als wir zählen können. Zum Anderen haben Technologieunternehmen nun die Möglichkeit, innovative Produkte auf den Markt zu bringen, sie effizient an die globale Zielgruppe zu vertreiben und damit bereits erwähntes Personal langfristig gesehen überflüssig zu machen. Oder um es optimistisch auszudrücken: die angesprochenen Luxusdienstleistungen für alle zugänglich zu machen.

Maschinen und ihre begrenzten Fähigkeiten setzen gezielte Kommunikation voraus

Gewiss ist die Kommunikation zwischen zwei Menschen und einem Menschen, der mit einer Maschine kommuniziert, nicht direkt vergleichbar. Mittelbar folgt Kommunikation aber immer demselben Muster, nämlich dem, welches das Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun2 beschreibt. Sender und Empfänger tauschen Informationen aus, welche jeweils vier Ebenen aufweisen. Jede Nachricht enthält einen Sachinhalt, einen Hinweis auf die Beziehung zum Gesprächspartner, eine Selbstkundgabe sowie einen Appell. So weit, so Thun.

Bei der Kommunikation mit einer Maschine liegt es auf der Hand, dass nicht alle Ebenen relevant sind. In erster Linie interessiert sich die Maschine für die Sachinformation, also jene Information, über die ich sie informieren möchte. Meistens im Imperativ gesprochen, als direkte Anweisung an das Gerät.

Doch auch hier verschwimmen die Grenzen mit ihrer zunehmenden Leistungsfähigkeit (ich meide das Wort „Intelligenz“, da es impliziert, Maschinen wären in der Lage, Informationen sachlich-emotional einzuordnen, was aber tatsächlich nicht der Fall ist). Maschinen versuchen, Informationen nicht nur nach ihrem Sachgehalt, sondern auch nach ihrem Beziehungshinweis und der Selbstbekundung zu analysieren. Das zeigt sich darin, dass Sprachassistenten mittlerweile ganz souverän damit umgehen, wenn wir ihnen Komplimente machen oder sie beleidigen.

‚“Hey Siri!‘ durch den Raum zu brüllen und eine Antwort einer künstlichen Intelligenz zu erhalten, ist ein wahr gewordener Traum von Science-Fiction-Autoren. Wir erinnern uns an Star Trek, wo die Aufforderung ‚Computer!‘ stets die Bordintelligenz aus dem Off sprechen ließ.“, schrieb Simon L. in seinem Artikel für macwelt.de 3.

Smarte Geräte als legitime Gesprächspartner

Es endet damit, dass wir der Maschine zwar konkrete Informationen liefern müssen, um verstanden zu werden, aber die KI mit der Zeit lernt, immer unkonkretere Aussagen zu interpretieren. Sie gewöhnt sich an uns als Individuum, kennt unsere Stimme, kann sogar einordnen, ob wir bedrückt sind und Smooth Jass hören wollen. Oder ob morgen das langersehnte Konzert mit unserer besten Freundin ansteht und wir vor lauter Vorfreude heute noch einmal unser Lieblingsalbum der Band laut aufdrehen wollen.

Wir bauen eine Beziehung zu dem Gerät auf. Und zwar anders, als zu unseren anderen Geräten, wie zum Beispiel unserem Computer oder unserem Smartphone, die wir eventuell ganz selbstbestimmt und ohne Smart Assistants nutzen. Bei diesen Geräten sind es die Menschen am anderen Ende der Leitung, die große Liebe oder der beste Freund, die uns beim Benutzen ein wohlig warmes Gefühl verleihen. Sprachassistenten wie Amazon Echo oder Siri jedoch zielen auf eine Beziehung zum Gerät selbst ab – undzwar auf eine sehr persönliche.

Geht es nach den Herstellern, beginnt der Tag mit dem Abspielen der Frühstücksplaylist und endet mit dem Abschalten des Smartphones. Alles gesteuert durch Sprache, versteht sich. Es soll so real und authentisch wie nur möglich ablaufen. Den Eindruck von echter, auf Augenhöhe stattfindender Kommunikation erwecken.

An der Grenze zwischen Maschine und Gesprächspartner

Es ist unsere Akzeptanz, die die Kommunikation mit künstlicher Intelligenz legitimiert. Schon lange haben wir es nicht mehr nur mit einem Gerät zu tun, sondern akzeptieren, dass die freundliche Dame eines bekannten Online-Versandhändlers Alexa heißt, und jene aus dem Hause der Konkurrenz von ihren Schöpfern eben Siri getauft wurde.

Den Befürwortern von Smart Assistants steht eine Vielzahl an Kritikern gegenüber, so viel sei gesagt. Erst vor kurzer Zeit wurde bestätigt, dass Mitarbeiter eines großen Online-Versandhändlers aufgenommenes Tonmaterial auswerten. Darunter seien auch kritische Aufnahmen gefunden worden, etwa Aufnahmen von Kindern und Namen von Privatpersonen, berichtete Computer Bild4.

Dass private Daten gesammelt und analysiert werden, ist heute nahezu unvermeidbar. Allein die Benutzung eines Smartphones mit vorinstallierter Betriebssoftware öffnet dem Datensammeln Tore und Türen – und das ist im Grundsatz auch gar nicht verwerflich. Fragwürdig ist allerdings, was mit diesen Daten geschieht und wo sie letztlich landen.

Ob der Nutzen neuer, smarter Gadgets im Verhältnis zu den Daten steht, die bei der Verwendung zusammengetragen werden, ist wohl fallabhängig sowie Ansichtssache.

(nfa.)


1 https://www.unsere-zeit.de/de/5009/wirtschaft_soziales/7844/Mehr-Lohn-weniger-Keime.htm, 27. April 2019

2 https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat, 27. April 2019

3 https://www.macwelt.de/a/siri-die-lustigsten-fragen-und-easter-eggs,3291184, 27. April 2019

4 https://www.computerbild.de/artikel/cb-News-Vernetztes-Wohnen-Amazon-Mitarbeiter-Alexa-Aufnahmen-23277085.html, 27. April 2019